Kolumne: Du liest Graphic Novels!



Cover von Scott McClouds „Comics neu erfinden“

Der dicke Superheldenleser, der arrogante Franko-Albenleser, die zahnbespangte BoysLove-Mangaleserin. Da sind sie alle vereint – die heutigen Comicleser. Wer sind aber die Leser von Graphic Novels? Etwa Du?

Hier folgt jetzt ein locker gehaltene Kolumne zum Thema Comics und dem Begriff Graphic Novel, d.h. es wird nicht zu wissenschaftlich fundiert, sondern bildet eher eine Anregung zur Diskussion.

Auslöser ist das Nichtwissen

Der Startpunkt für eine Beschäftigung mit dem Thema Graphic Novel, ergab sich für mich beim Gratis-Comic-Tag. Meine Begleitung für den Tag kam an dem Referenztitel für Graphic Novels schlechthin vorbei, nämlich Maus. Ihre Reaktion auf den Titel war offenkundiges Nichtwissen und ein bisschen Unverständnis, dass es einen Comic über den zweiten Weltkrieg geben kann. Das war mein emotionaler Startpunkt, bei dem ich mich fragte, ob ein Comic über den 2.Weltkrieg so offenkundig übersehen wird von Nicht-Comic-Nerds.  Aber bei meiner Begleiterin lag das vielleicht auch an ihrem Alter, sie war fünf Jahre jünger und ist vielleicht zusätzlich eine Generationenfrage.

Der zweite Punkt ist sachlicher Natur und kam in Form einer Pressemitteilung der Egmont Verlagsgesellschaften. Auch Ehapa verlegt nun unter dem eigenen Label „Egmont Graphic Novel“ die gleichnamige Produktart. Als ich diese Meldung sah, fragte ich mich, wer Graphic Novels liest. Und damit wären wir beim beinahe beim Kern dieser Kolumne. Denn wie bei jedem Erwähnen des Begriffs Graphic Novel entbrennt die Diskussion nach der Frage, was hinter dem Begriff steckt. Ich versuche mich kurz zu halten, die Diskussionen darum, kranken ja des Öfteren an ihrer Länge ihrer Beiträge.

Graphic Novel – Ein Buch mit sieben Panels

Das es lange vor Maus schon Geschichten mit Tiefgang oder historischem Motiv gab, lässt sich nicht bestreiten. Nur hier in Deutschland brauchte die Auferksamkeit der Massen ein passendes Thema. Als Beispiel für die tiefsinnigeren Geschichten vor Maus, sei hier der Artikel über den Autor „Keji Nakazawa“ in der zweiten Ausgabe des Comicmagazins Alfonz erwähnt, in dem auf Seite 39 der Verlagsleiter Humann zitiert wird, der davon berichtet, dass trotz des ersten Mangas mit historischem Schwerpunkt auf den Atombombenabwurf in Hiroshima, die deutsche Öffentlichkeit davon wenig Notiz genommen hat. Salopp gesagt, hat es wohl einer deutschen Tragödie bedurft um die deutsche Leserschaft aufzurütteln, da ist der 2.Weltkrieg natürlich naheliegend. 

Naürlich brach das eine Diskussion vom Zaun über das Medium, wie auch der in Wikipedia referenzierte Artikel „Darf Holocaust im Comic verarbeitet werden?“ in der Gießener Zeitung so zutreffend mit der Überschrift beschreibt. Und hier ist eigentlich das ganze Dilemma. Seit dem Erscheinen des Comicstrips Yellow Kid in den amerikanischen Tagesblättern, ist der Begriff für die umgangssprachlich genannten Bildergeschichten Comics. Leider liegt in dem Sammelbegriff schon das eigentliche Problem, denn der Begriff Comic deutet schon etwas Komisches an. Die Ursprungsgeschichte von Comics zementiert bis zu Maus den Status als Kindermedium oder bestenfalls Medium für junge männliche Erwachsene. Mit dem Begriff Graphic Novel wird versucht dieses Image abzustreifen und hierfür ein neues Publikum zu erschließen.

Missbrauch an der Graphic Novel

Das Problem bei diesem Begriff ist die auftretend missbräuchliche Benutzung. Im Comicreport 2013  wird diese Praxis kurz und gut dargestellt, so sei es Gang und Gäbe Sammelereditionen von Heftserien  im Buchformat mit Zusatzmaterialien unter dem Etikett Graphic Novel herauszugeben. (vgl. Seite 118 im Comic Report 2013) Aber Graphic Novels, egal ob es nun Etikett ist oder nicht, soll an sich komplexere tiefgängigere Geschichten erzählen, am besten in sich abgeschlossen. So wie es Maus auch gewesen ist. Der missbräuchliche Umgang mit der Produktart liegt darin unter einem falschen Mantel altes Material mit hochpreisiger Verpackung zu verkaufen. Erst dadurch entstehen die gesamten Diskussion innerhalb der Leserschaft von Comics. 

Diese Diskussion selbst ist aber letztlich nicht die ausschlaggebende, viel schlimmer ist dass bei Kontakt von Nichtcomiclesern mit missbräuchlich benutztem „Graphic Novel“-Etikett der Eindruck entsteht, dass sich an den Inhalten von Comics sich Nichts geändert hat.

Wer liest also Graphic Novels oder besser: Wer sollte Sie lesen?

Bis zum Auftauchen dieses Begriffs galt der Status Quo von Comics/Manga. Und seit jeher haben Comicleser sich über die festgefahrene Meinung über Comics als Kindermedium geärgert. Man kann verstehen, dass sich innerhalb der Comicleserschaft ein Trotz gegenüber dem Begriff eingebürgert hat, da jahrzehntelang für die Etablierung des „Comic“-Begriffs gekämpft wurde. Nun ein neue Bezeichnung als Lösung anzuführen, wirkt auf den ersten Moment wie eine Ausweichmöglichkeit. Ich denke aber, dass wenn die Verlage dafür sorgen, dass die Graphic Novel nicht nur ein Sammelsurium von altem Material im neuen schönen Gewand ist, dann kann das noch was werden, mit dem Vergrößern der Comicleserschaft.

Schlußsatz

Denn letztlich soll nicht der dicke Superheldenleser, der arrogante Franko-Albenleser, oder die zahnbespangte BoysLove-Mangaleserin eine Graphic Novel lesen. Sondern alle anderen. Nämlich Du.

Freunde, die man sich nicht wünscht – Mein Freund Dahmer

Ausschnitt des „Mein Freund Dahmer“-Covers


Schuhe knirschen über den Asphalt. Sie knirschen immer weiter. Bis sie stoppen.
Wegen einer toten Katze. 


Das Milwaukee Monster schlägt wieder zu. Jedenfalls in unserem Gedächtnis, das mit dieser Graphic Novel aufgefrischt wird. Jeffrey Dahmer, bekannt als das Milwauke Monster tötete zwischen 1978 und 1991 um die 17 Männer. Und das hier ist seine Geschichte.

Diese Graphic Novel wird aus der Sicht eines näheren Bekannten des Massenmörders erzählt, dem Comiczeichner Derf Backderf (gleichzeitig Autor dieses Romans), der in seiner Nähe wohnt und in der High School sogar einen „Jeff Dahmer“ Fanclub gründete.

Aber von Anfang an.

Der ruhige Auftakt und das unausweichliche Ende

Die Schuhe vom Anfang gehören natürlich zu Jeff Dahmer. Er hebt die Katze auf und nimmt sie in seine Hände. Sein Gesicht ist in Schatten gehüllt, aber seine Augen stechen durch seine Brillengläser hervor. Er schleppt die Katze in den Wald und trifft dabei auf Jugendliche, denen er vorführt wie er die Katze in Säure auflöst. Er möchte sehen wie das Innere aussieht. Die Jugendlichen nennen ihn Freak und Jeff Dahmer steht alleine im Wald und symbolhaft zweigen Wege in die Dunkelheit des Waldes hinein.

Diese Prolog-Geschichte gibt die düstere Grundthematik der Graphic Novel perfekt wieder. Mit Jeff Dahmer stimmt etwas nicht und das wird in dieser ersten Szene unumstößlich klar. Jetzt könnte man, wie jedem Autor vorwerfen, die künstlerische Seite zu missbrauchen, um dieser wahren Geschichte etwas hinzuzufügen, jedoch hält sich der Autor sehr zurück. Und wo er es sich erlaubt, wird das im Anhang detailreich erklärt. 

Das Grafische an der Novel

Wie immer folge ich dem strengen Grundsatz, dass die Zeichnungen die Geschichte unterstützen müssen. Das gilt umso mehr bei einem grafischen Roman. Zu Anfang dachte ich bei dem Zeichenstil Backderfs an die alten MAD-Hefte, aber trotz dieses cartoonhaften Zeichenstils wird die Ernsthaftigkeit des Themas klar transportiert.

Natürlich fällt auf, dass sich die Figuren wie Schachfiguren in diesem Comic bewegen, deutlich erkennbar an der Szene mit der Bibliothekarin, die wütend nach dem Störer in der Bücherei sucht. Sie bewegt sich so schablonenhaft wie die Figuren aus South Park. Trotz der ewigen selben Perspektive und schablonenhaften Gestik und Mimik, ist die Geschichte so denkwürdig, dass der minimalistische Zeichenstil nicht stört. 

Der Weg in die Hölle

Jedoch wirkt der Zeichenstil an einer wichtigen Stelle sehr unterstützend: Bei Jeff Dahmers Mimik. Der wird als emotionsloser Typ beschrieben und das ist einer der Details, die sich durch die Graphic Novel zieht. Wir werden nicht in die Gedankenwelt von Jeff Dahmer hineingezogen, sondern in seine äußeren Umstände. Durch die Abwesenheit von Emotionen bei ihm, wird er uns fremd und wir können für diesen späteren Serienmörder keine Sympathie empfinden. Das ist auch ein erklärtes Ziel der Geschichte, Jeff Dahmers Weg anschauen, aber nicht in seine Gedankenwelt reingezogen werden.

Zweifel und Nachfragen

Negativ könnte man höchstens die des Öfteren verstreuten rhetorischen Fragen aus der Gedankenwelt des Autors nennen, die in Frage stellen, ob man den Abstieg des Jeff Dahmer hätte verhindern können. Letztendlich muss man die Fragen respektieren, da wahrscheinlich jeder als Bekannter eines Serienmörders sich diese Frage stellen könnte, letztlich hätte Backderf diese aber für meinen Geschmack weniger einstreuen 
können.

Ich gebe eine definitive Kaufempfehlung, da diese Graphic Novel von einer hohen Intensität lebt und die Geschichte gleichzeitig grausam und schonungslos den Abstieg eines Menschen zeigt.

Bewertung: 9/10

Positiv:
– wahre Geschichte
– intensive Schilderung mit reichlich Quellenangaben

Negativ:
– Hölzerne Mimik und Gestik der Figuren

Beschreibung zum Comic
Titel: Mein Freund Dahmer
Autor: Derf Backderf
Verlag: Metrolit
Link zur Beschreibung: http://metrolit.de/programm/walde-und-graf/mein-freund-dahmer

P.S.: Da mich Thema Graphic Novel schon seit meiner Diplomarbeit interessiert hat, werde ich nächste Woche wahrscheinlich einen Aufsatz über den Begriff Graphic Novel verfassen. Ich gebe aber noch innerhalb meines Blogs bekannt, ob ich es wirklich bis Sonntag schaffe.

Hast du gesündigt? – Rezension zu JUDGE Nr.1

Rückseite von Judge Band 1 (Ausschnitt)


Ein Mann mit riesigem Hasenkopf glotzt einen mit unschuldigen großen roten Augen an und drüber steht in roten Lettern: „Hast du gesündigt?! Hoffentlich nicht …denn hier kannst du nichts verbergen!“

I can be a Hiro….

Da macht der Manga mit seinem Cover und seiner Aufmachung schon neugierig. Und auch der weitere Einstieg scheint interessant. Erstmal wird man in eine kleine Beschreibung einer Beziehungssituation reingeworfen, in der Hiro dafür sorgt, dass der Freund seiner Schwester von einem Bus überfahren wird. Er hat also schon einmal ordentlich Mist gebaut und es läuft dann auf eine Art Gerichtstribunal hinaus, in dem die Beteiligten Tierköpfe tragen. Aber bis man erstmal alles versteht, das dauert ein kleines bisschen, da man immer nur soviel wie Hiro weiß. 

Gezeichnet fürs Leben

JUDGE ist ein Manga und dementsprechend auch in verkehrter Leserichtung. Aber Mangleser kennen das Prinzip. Positiv fällt in dieser Serie auf, dass es keine Übertreibung der Gesichtsausdrücke gibt, wie sie bei emotionalen Darstellungen in Mangas gerne eingesetzt werden. Dafür werden des Öfteren mal Soundwords benutzt, die aber den Lesefluss nicht stören. Zwischendurch fiel es mir schwer die einzelnen Meschen zu erkennen, entweder sie hatten ähnlich gestaltete Tierköpfe oder ähnlich gestaltete Menschenköpfe, die man nur an den Frisuren auseinanderhalten konnte.

Wie sie sehen, sehen Sie SAW

Die Stimmung des Mangas ist sehr düster gehalten. Die Farbzeichnungen zu Anfang hätten nicht eingefügt werden müssen, denn die schwarz-weißen Strichzeichnungen bringen die Bedrücktheit perfekt rüber. Es gibt die Andeutung von Blut und Gewalt, aber sie wird nicht explizit gezeigt, trotzdem finde ich die FSK16-Auszeichnung sinnvoll, da das Thema des Mangas eher erwachseneren Personen zugänglich ist. Vom Grundgedanken her ähnelt JUDGE der Horrorreihe SAW, denn auch hier gilt für die Kandidaten des Tribunals eine tödliche Aufgabe zu bestehen. Ich empfehle den Manga, denn ich finde die Aufmachung und die Fragen, die aufgeworfen wurden so interessant, dass ich mir auch die Folgebände kaufen würde.

Positiv:
– Interessante Geschichte
– Düstere Grundstimmung ohne übertriebene Manga-Mimik

Negativ:
– Köpfer der Personen nur durch Frisuren unterscheidbar
– Farbseiten unnötig

Bewertung: 8/10

Link zum Manga:
http://www.carlsen.de/taschenbuch/judge-band-1/20935#Inhalt