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In Wellen in den Tod – Meine Tassen im Schrank – Graphic Novel Rezension

Kennst du das auch, dass dir an einem Tag alles gelingt und du bekommst das Gefühl du stehst über allen? An anderen Tagen fühlt es sich an als würde dein Leben von einem verstimmten Klavier begleitet werden, missgestimmt und nichts funktioniert? Diese Tage kennt jeder, aber es gibt Menschen bei denen sind diese Phasen um einiges krasser. Zu diesen Menschen gehört Ellen Forney und vielleicht auch….

Du.

Und ich….

Das Cover von Meine Tassen im Schrank von Ellen Forney
Das Cover von Meine Tassen im Schrank von Ellen Forney

Gedankenspiele rund um psychische Erkrankungen

Die Graphic Novel „Meine Tassen im Schrank“ hat als Thema „Bipolare Störungen“. Ein sehr ernstes Thema, so wie Depressionen und Leidensdruck bei Menschen. dass in unserem Land nur stiefmütterlich behandelt wird. Wie soll man sich das auch vorstellen? Bei einem körperlichen Schaden geht man zum Arzt und der versucht mit entsprechenden Maßnahmen den offensichtlichen Makel zu beheben.

Was aber machen Menschen mit psychischen Problemen? Man sieht es Ihnen ihr Leiden nicht an, wenn man nicht gerade Tourette-Syndrom hat. Symptome von Tourette werden gerne mal auf das Schreien von „Ficken! Arschloch!“ reduziert. (Dazu hier der Link zu einem interessanten Video, in dem ein Torette-Kranker gefragt wird, ob er mit seiner Krankeit provoziert)

Du bist verrückt
Auschnitt aus der Graphic Novel „Meine Tassen im Schrank“ – Ellen Forneys Gedankenwelt bei ihrer Diagnose

Aber eine bipolare Störung sieht man den Leuten nicht an. Viel eher kennt man diesen einen Typen, der so lustig ist oder den anderen Typen, der immer die Stimmung so runterzieht. Was wäre, wen das ein und dasselbe Person ist, nur an zwei verschiedenen Punkten seines bipolaren Verlaufs.

Bipolare Störungen: Von der eigenen Manie in die Depression

Bipolare Störungen sind ein Wechselbad von einer Manie, die sich durch eine übertriebene Euphorie, sozusagen eine Hoch-zeit, in der man aufgrund seines überdrehten Zustandes nur eingeschränkt für den Alltag zu gebrauchen ist

und

einer Depression, die sich bekanntlich durch traurige gelähmte Stimmung, die bis zu Suizidgedanken gehen könen, und das Gegenteil der Manie darstellen. Auch während der Depression ist man aufgrund einer Antriebslosigkeit nur sehr bedingt für den Alltag zu gebrauchen.

Und diese beiden Phasen erleben Betroffene wie in einer Achterbahn. Von einer hohen alles verzehrenden Manie bis zu einer die Person runterdrückende Depression. Und Ellen Forney ist eine Betroffene und hat ihre Erfahrungen mit bipolarer Störung in der Graphic Novel niedergezeichnet.

Zeichnungen einer Gefühlsachterbahn bei einer bipolaren Störung aus Meine Tassen im Schrank
Zeichnungen einer Gefühlsachterbahn bei einer bipolaren Störung aus Meine Tassen im Schrank

Weitere Infos zu dieser Krankheit findet ihr auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen e.V. Dort gibt es ein paar PDFs mit Infos zu dem Thema und auch deren Behandlung, für Interessierte eine gute erste Anlaufstelle.

Der Fall Ellen Forney: Meine Tassen im Schrank

Ellen Forney ist eine Comiczeichnerin (Ausschnitte ihrer Arbeiten auf ellenforney.com (engl.)), die in dem Graphic Novel ihr Leben mit der bipolaren Störung und deren Behandlung schildert. Der Band ist sehr gut aufgemacht, denn selbst die Aufteilung der Geschichte spiegelt diese sozusagen zweiphasige Krankheit gut wieder.

Die Hälfte des Bandes erleben wir Ellen als manische Person und in der anderen Hälfte als depressive Person. Ok, der Band hat 250 Seiten ungefähr und die Aufteilung ist 100 Seiten Manie und 100 Seiten Depression. 50 Seiten drehen sich sozusagen, um ihre endgültige Auseinandersetzung. Zu Anfang der Geschichte ist die Autorin wirklich aufgedreht und macht unglaublich über die Grenze gehende Sachen. Dazu gehört eine Mega-Geburtstagsfeier oder ein Fast-Nackt-Shooting mit anschließenden spontanen Lesbensex. Ellen Forney empfindet diese Phase selbst als ergiebig und sie sei auf dem Höhepunkt.

Ellen Forneys Zeichnung aus einer depressiven Phase, wie sie im Sofa gefangen ist
Ellen Forneys Zeichnung aus einer depressiven Phase, wie sie im Sofa gefangen ist

Gleichzeitig bespricht sie sich mit ihrer Therapeutin und die warnt vor der depressiven Phase. Doch Ellen denkt, dass die manische Phase für die depressive Phase vorsorgt. Im Laufe des Buches holt Sie die Phase ein und natürlich funktioniert ihre Taktik nicht. Und ihre Erkrankung versucht sie dann mit ihrer Therapeuten zu lösen, vor allem auch über die richtigen Medikamente. Im Laufe des Bandes ist es das wichtige Ziel die richtige Medikation zu finden und die Nebenwirkungen zu minimieren.

Ein Künstler muss verrückt sein! Aber auch bipolar verrückt?

Jetzt kommt eine weitere Komponente bei Ellen Forney hinzu, denn sie ist eine Comiczeichnerin, sprich eine Künstlerseele. Darum steht sie den medikamentösen Behandlungsmethoden skeptisch gegenüber, denn die Medikation würde ihre Kreativität einschränken. Und das sind die Dinge, die viele Künstler auch noch hier typischerweise, dass Künstler nur gut unter Schmerzen und Leid sind. Und dieser Kampf mit ihrer Kreativität und ihrer Krankheit ist neben ihrer persönlichen Erfahrung eine weitere interessante Ebene, die sie öfters mal anspricht.

Skizze aus "Meine Tassen im Schrank"
Skizze aus „Meine Tassen im Schrank“

Als Leser haben wir an diesem Dilemma, aber auch vielen anderen eine sehr intime Einsicht. Diese autobiografische Geschichte ist schonungslos offen und dient somit als sehr mitnehmende Geschichte zum Thema psychische Erkrankung.

Wie erzählst du uns deine Geschichte, Ellen Forney?

Die Autorin hat viel zu sagen, natürlich gibt es sehr viele Kleinigkeiten, in die sie sich verliert aber eine Textlastigkeit bei Graphic Novels ist nicht schlimm. Schließlich widmen sich Graphic Novels des Öfteren sehr komplexen Themen, die nicht alleine durch das Bild übermittelt werden können. Neben dem vielen Text gibt es aber auch sehr schöne wortlose Panels, in denen sie zum Beispiel Ellen sich total in ihre Couch zurückzieht, um ihre Haltung bei der Depression darzustellen. Der Hauptcomic wird zwischendrin von gezeichneten (ich denke echten) Skizzen unterbrochen, aus denen sich anhand des Stils und dem Motiv viel herauslesen lassen kann.

Im Gegensatz zu meiner „Wer ist hier die Mutter?“-Rezension bin ich hier von einem sehr eindringlichen Thema begeistert. Ellen schildert es sehr persönlich und bringt immer an den richtigen Stelen Fakten und Theorien, die nie stören. Die Zeichnungen sind sehr schön dynamisch und das Fehlen von Farbe stört kein Stück. Im Strich von Ellen Forney lässt sich sehr viel herauslesen.

Bipolar und du?

Ich muss zugeben beim Lesen habe ich einige Sachen wieder erkannt an mir selber. Auch ich kenne diese Phasen großer Euphorie, aber auch die Kehrseite. Aber bei mir haben sich nie suizidale Tendenzen eingeschlichen, trotzdem hat mich diese Geschichte berührt und in mir etwas bewegt. Vor allem diese nahe Beschreibung dieser Krankheit fand ich sehr interessant und hat so sehr mein Interesse geweckt, dass ich mich zu diesem Thema näher informiert habe. Und was kann es Besseres geben, als wenn eine Erzählung ein Thema in den Mittelpunkt stellt, dass ich sonst nicht so auf dem Schirm gehabt hätte.

Ich bedanke mich bei Ellen Forney für diese tolle ergreifende Geschichte und kann diese nur weiterempfehlen.

Bewertung: 10 / 10

Link zum Produkt:Meine Tassen im Schrank: Depressionen, Michelangelo und ich

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